Meine Unarten

Normalerweise bin ich ein sehr braves Pferd: ich beiße nicht, trete nicht, schlage nicht aus, bin schmiedefromm, brav im Gelände und man kann mich überall kraulen, am Kopf, an den Ohren, am Po, unter meinem Bauch und mit meinen Lippen spielen.

Aber ab und zu stelle ich schon etwas an, meistens weil ich so fürchtbar neugierig bin.

Zweimal habe ich mich schon selbstständig gemacht d. h. mich aus meiner Box befreit.

Es war eine kalte Winternacht. Der Wachhund schlief fest und hat mich bei meiner nächtlichen Arbeit auch nicht gehört, weil ich alles so schön leise angestellt habe.

War das ein tolles Spiel für mich, als ich endlich die Boxentür auf hatte!

Überall hingen diese Halfter und Decken an den 30 Boxentüren. Lange habe ich gebraucht, um alle auf den Boden zu werfen. Kein Halfter und keine Decke war sicher vor mir.

In der Mitte der Stallgasse stand eine Tonne. Mit einer Tonne läßt sich ja wunderbar spielen. Ich habe sie bis vorne an die Eingangstür gerollt. Und dann der Heuballen und Strohballen in der Stallgasse! Überall habe ich das Stroh und Heu hinverteilt, vor den Boxentüren meiner Stallgenossen, die leider nichts davon fressen konnten.

Die Tür zur Reithalle war auch offen und dahin habe ich dann auch noch etwas Stroh geschleppt. Die Stallgassentür stand auf, aber es war so dunkel draußen und da lag eine weiße Schneedecke - ich war damals noch nie im Schnee gewesen - so bin ich lieber im Stall geblieben.

Morgens als die Besitzer des Berghofes zum Füttern kamen, hörte ich nur sagen: "Was war dann hier los?", "Ach, sieh mal an, dort hinten beim Hengst in der Ecke steht der Grandioso mit einem unschuldigen Gesicht!" Da wurde ich dann wieder in meine Box geführt.

Ein anderes Mal gab es wieder eine Gelegenheit auszubrechen. Der Stall wurde geweißt und ein neuer Offenstall war gerade fertig geworden. Zwei Nächte durfte ich im Offenstall verbringen. In der zweiten Nacht passierte es. Was eine Aussicht bei Mondschein, direkt vor meinen Augen lag meine saftige Wiese. Dort wollte ich hin. Mit meinem Wallachzahn zog ich den schweren Hebel der Tür hoch und draußen war ich. Aber Pech gehabt, die Wiese war mit einem Elektrodraht verschlossen. Auf dem Springplatz konnte ich aber herumtollen.

Morgens wurde ich gleich wieder eingesperrt. Als dann etwas später meine Besitzerin mit mir auf Turnier fahren wollte, war plötzlich ihre weiße Bluse und Hose mit Blut verschmiert. Sofort wurde ich von Kopf bis Fuß untersucht. "Der blutet aus dem Maul", hörte ich sagen. Ja , ich hatte mir meinen Wallachzahn halb abgebrochen. Statt auf Turnier zu fahren, kam der Tierarzt und entfernte mir meinen herunterhängenden Zahn.

Sehr neugierig bin ich. Der Eimer mit meinem Saftfutter stellt meine Besitzerin immer in die Sattelkammer. Ich habe schon mehrmals halb in der Sattelkammer gestanden. Wenn meine Besitzerin gerade nicht guckt, muss ich ausprobieren, ob ich eine Möhre erwischen kann.

An der Tür zur Sattelkammer hängen Besen. Eines Tages wollte ich wieder in die Sattelkammer hineinblicken und da passierte es: Ein Besenstiel verfing sich in mein Halfter. Da stand ich nun mit einer Antenne am Kopf. Was macht da ein Pferd, um so ein Ding wieder los zu werden? Kopf bis zum Boden herunterbeugen und dann mit einem Ruck den Kopf hochschnallen. Und es klappte: Der Besenstiel flog wie eine Rakete über meinen Buckel weg in die Stallgasse. Zum Glück stand da niemand!

Am Wasser spiele ich sehr gerne. Oben an der Wasserleitung war einmal ein Hahn. Der wurde entfernt, weil ich mir das Wasser immer zudrehte.

Die 3 Fenster in meiner Box - sie sind oben an der Decke - waren auch nicht vor mir sicher. Eines Tages habe ich ein Fenster ausgehängt und es zersplitterte auf den Boden. Zum Glück wurde ich nicht verletzt. Sofort wurden die Fenster ausgetauscht und sie sind jetzt aus Plexiglas - die kann man so schön mit den Zähnen verkratzen!

Mein Hänger ist auch überall gepolstert. Als ich das erste Mal im neuen Hänger stand, ist es schon passiert. Ich habe überall herumgeschnüffelt und habe mein Auge an irgendeiner Kante verletzt. Da mußte ich eine Woche in der Klinik verbringen. Ich hatte einen Kratzer in der Hornhaut. Diese viele Augentropfen und Augensalben! Nach einer Woche konnte ich wieder heim und mein Auge war zum Glück vollkommen verheilt: Ich sehe noch genauso gut wie früher, aber meine Neugierde hat sich nicht geändert.

Einmal haben ich meinen Besitzer einen Streich gespielt. Die Boxentür wurde geöffnet. Was sah ich da? Den Eimer, in denen immer meine Möhren mitgebracht werden. Neugierig mal schauen, ob noch eine Mohre drin ist? Nur das kleine 6 cm hohe Marmaladengläschen, in dem sie immer mein Leinöl machen, war da. Schwups hatte ich es geschnappt und ab damit in meine Box. "Gib her!", hörte ich sagen. Da habe ich das Gläschen ein bischen nach hinten in meinem Maul verschoben, geschluckt und weg war es - nicht mehr sichtbar. "Der hat das Gläschen verschluckt!". "Ein Pferd verschluckt doch kein Gläschen!" "Es war hinten im Maul und ist aber weg!". In der Box wurde nichts entdeckt: kein Gläschen! Was macht man, wenn ein Pferd ein Gläschen verschluckt? Der Arzt wurde angerufen und es hieß er könne da nichts tun. Abwarten, was vorne rein geht, kommt auch hinten raus. Oder in die Klinik fahren und mit einer Sonde versuchen das Gläschen herauzufischen. Das Schlimmere wäre naturlich eine auftretende Kolik: Das Schreckensgespenst eines Pferdebesitzers. Meine Boxentü stand noch immer auf und die telefonierten ja. Das war die Gelegenheit! Raus aus der Box, trab durch die Stallgasse und auf die Weide, die leider zu war. Aber Gras war auch am Rande da. "Der haut ja ab", "Der steht da und frischt Gras!". Ich wurde wieder eingefangen und in meine Box geführt. Wiederum wurde in der Box nach dem Gläschen gesucht, Stroh hin und her geschoben. "Hier ist es!", hörte ich jubeln. Da hatten sie mein Versteck doch entdeckt. Naturlich hatte ich das Gläschen nicht verschluckt. Ich hatte es mit der Zunge hinter meine Backenzähne verschoben und wieder ausgespuckt als die fleiß telefonierten. Ich sah buchstäblich den Stein meinen Besitzern vom Herzen rollen. Eine gute Sache hat meinenStreich für mich noch gehabt: eine extra Portion Streicheleinheiten und es wurde geschmust und geschmust. Was ich wohl das nächste Mal wieder aushecke?

Naja. Ich hatte wieder eine neue Idee. 17.30 Uhr Futterung der Raubtiere! Meine Box wurde auf etwa 50 cm geöffnet. Es wurde Heu geholt und schnell habe ich die Tür mit meiner Nase ganz geöffnet und bin raus! Raus durch die Stallgasse, bis vor dem Weideeingang. Die Weidesaison ist vorbei. Wir haben wieder November. Was spähte ich da? Oh, die Stallbesitzerin, sie wollte mich einfangen! Nein, zuerst musste ich mal auf die Weide. Und losgerannt bin ich, ein Paar Touren galoppiert - muss man doch ausnutzen! - und dann wieder brav, schön langsam bis vor der dem Stall, schön reinspaziert und wieder in die Box! Bin doch ein braves Pferd!

Ich auf der WeideCasi geht mit mir auf die Weide

Auf der Weide tobe ich mich gerne aus, mache total verrenkte Luftsprünge und renne mit meiner Stute Casi um die Wette. Im gestreckten Galopp erreichen wir in der Regel eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern und mehr. Verletzen tun wir uns gegenseitig nie.

Leider kann ich in der Weidesaison ab Mai 2001 nicht mehr mit Casi auf die Weide gehen. Casi ist gedeckt worden. Meine neue Stute heißt Cindarella. Mit ihr verstehe ich mich auch sehr gut. Wir schmusen gerne. Jetzt stehen wir auf einer neuen großen Weide.
Seit Mai 2002 gehe ich nun mit sieben Wallachen auf die Weide. Fünf Stuten stehen nebendran - auch Cindarella. Casi hat ihr Fohlen bekommen: einen fuchsfarbigen kleinen, süßen Hengst.

Als ich zum ersten Mal zur Probe alleine auf die Weide gelassen wurde - nach vielen Jahren, ich war schon 6 und hatte zuletzt mit 3 eine Wiese gesehen - da wußte ich nicht mehr, dass da Elektrozäune sind. Auf der benachbarten Weide stand ein einsames Pferd. Ich wollte zu ihm, durchbrach den falschen Zaun zum Wald und verschwand dorthin. Diese viele Bäume - wie kommt man da wieder raus? Ich rannte durch den nächsten Zaun und erreichte endlich mein Ziel: Die benachbarte Weide mit dem einsamen Pferd. So etwas habe ich nie wieder ausprobiert.

Ich wälze mich gerne

Ich wälze mich für mein Leben gerne. Ich genieße es in der Halle und auf der Weide im Sand mein Fell dreckig zu machen. In meiner Box habe ich mich schon zweimal festgelegt. Der Reitlehrer hat mich dann befreit. Seitdem wälze ich in der Box nur noch auf einer Seite, so dass ich immer wieder aufspringen kann.

SteigenSo etwas kann ich auch!Steigen

Alle 7 bis 8 Monate probiere ich aus, wer der Stärkere ist: Sie oder Ich? Schnell gebe ich dann auf, weil sie mich immer wieder schnell im Griff hat. Und ich bin ja ein artiges Pferd, das geliebt wird!

Zurück